Erster Lokalblog knackt 10.000 Euro im Monat

von Steffen Greschner am 15. November 2011 · 18 Kommentare

Immer wieder werden Lokalblogs als reine Liebhaberprojekte kleingeredet. Dass das längst nicht auf alle Lokalblogs zutrifft zeigt ein Blick in das Tegernseer Tal, wo der momentan finanziell erfolgreichste mir bekannte Blog herkommt. In der Pressemeldung zur Gründung von istlokal.de wurden nun zum ersten Mal offizielle Zahlen zur Tegernseer Stimme verkündet:

Seit April 2010 betreibt er (Peter Posztos) mit einem mittlerweile neunköpfigen Team die lokale Nachrichtenseite tegernseerstimme.de. Auf Basis der lokal eng begrenzten Plattform erwirtschaften er und sein Team Umsätze von bis zu 10.000 Euro pro Monat.

Die Umsätze werden bei der Tegernseer Stimme über Online-, Print- und Facebookwerbung erzielt. Inzwischen wurde bereits die fünfte Printausgabe gedruckt und kostenlos verteilt. Etwas mehr als die Hälfte der Umsätze erzielt die Tegernseer Stimme mit der Druckausgabe.

- Online-TKP von rund 5 Euro -

Selbst wenn man 60% der Umsätze der Printausgabe zuschreibt, werden aber immer noch stolze 4.000 Euro ONLINE-Umsatz mit 1.500 täglichen Lesern erzielt.

Ohne die exakten Zahlen zu kennen, kann man trotzdem folgende grobe Rechnung anstellen: Die Tegernseer Stimme kommt auf  ca. 45.000 Leser/Monat (1.500 Leser x 30 Tage) und auf ca. 112.500 PIs/Monat (45.000 x 2,5).

Um jetzt noch auf einen halbwegs realistischen TKP zu kommen, habe ich mir die Werbeplätze auf der Startseite angeschaut. Ergebnis: aktuell stehen 7 Werbepartner auf 7 unterschiedlichen Werbeplätzen. Dazu kommen noch Veranstaltungshinweise und kurzfristige Werbeaktionen auf Facebook. In einer einfachen Rechnung ergibt das einen TKP von rund 5 Euro: (In der Realität ist der Preis, den die Werbepartner für eine einzige Anzeige bezahlen, sicherlich geringer, da die angesprochenen Veranstaltungshinweise etc. natürlich auch etwas Umsatz einbringen. Zur groben Orientierung reicht das so aber aus.)

4000 Euro / 7 Werbeplätze = 571 Euro pro Werbeplatz pro Monat

(571 Euro / 112.500 PIs) x 1.000 = 5,08 Euro TKP

Das sind Zahlen, die nicht sofort in Jubelschreie ausbrechen lassen. Das sind aber auch Zahlen, die weit weg von Hobbyprojekten sind und vor allem sind das Zahlen, von denen viele Lokalzeitungen – rein auf ihre Onlineumsätze bezogen – wahrscheinlich nur träumen können.

- Seit 6 Monaten wird vermarktet: Lokale Werbepartner statt Restplätze -

Spannend sind die Zahlen vor dem Hintergrund, dass erst seit Mai dieses Jahr überhaupt Anzeigen auf der Tegernseer Stimme verkauft werden. Von 0 auf 4.000 Euro monatliche Werbeeinnahmen innerhalb von einem halben Jahr ist durchaus vielversprechend. Von Start weg hat man bei der Tegernseer Stimme  konsequent auf Restplatzvermarkter und Werbenetzwerke verzichtet und sich nach lokalen und langfristigen Werbepartnern umgeschaut. Zumindest laufen einige der aktuellen Anzeigen bereits seit rund zwei Monaten.

- Die Druckausgabe hat den Weg geebnet -

Der Start zum Anzeigenvertrieb wurde im im Frühjahr mit der ersten Printausgabe geebnet. Der Plan damals: Das Produkt über die Printausgabe bekannt machen und konsequent auf das Onlineangebot verweisen. Das dahinter viel harte Arbeit steckt, hatte Peter Posztos gegenüber dem netzleser schon im Mai 2011 beschrieben:

Die Kosten, die durch das Magazin entstehen sind gedeckt: Druckkosten, Vertriebskosten, Kosten für freie Mitarbeiter, Grafik und Satz. Wenn ich meine eigene Zeit mit einrechne, bleibt aber nichts übrig. Die Akquise von Anzeigenkunde ist ein hartes Geschäft. Im Gegenzug erreichen wir aber eine viel größere Relevanz in unserem Einzugsgebiet.

Klar ist trotzdem, dass 10.000 Euro Umsatz für ein neunköpfiges Team nicht ausreichen auch wenn es sich bei den Mitarbeitern natürlich hauptsächlich um Freie auf 400 Euro-Basis handelt. Klar wird aber auch, dass Lokalblogs nicht nur Liebhaberprojekte sind, wie es kürzlich in der TAZ stand. Klar sein sollte aber vor allem, dass der Münchner Merkur mit dem Onlineteil seiner Tegernsee-Ausgabe ganz sicher nicht auf diese Online-Umsätze kommt. Das geben 3 Restplatzvermarkter-Werbeplätze einfach nicht her:

Ich schreibe es immer dazu und so auch dieses Mal: Ich bin Mitgründer der Tegernseer Stimme aber seit einiger Zeit nicht mehr im Tagesgeschäft dabei. Ich stehe aber nach wie vor beratend zur Seite.


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Verlagsmann November 16, 2011 um 09:53

Ich kann die Begeisterung über solche Zahlen nicht verstehen: “Bis zu”(!) 10.000 Euro Umsatz im Monat. – Was soll daran großartig sein oder gar der Beleg dafür, dass Hyperlokalblogs erfolgreiche Geschäftsmodelle sind? 10.000 Euro – das macht ein guter Anzeigenvertreter allein im Monat. Als Provision.

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Steffen (netzleser) November 16, 2011 um 12:30

Ich denke das Anzeigenvertreter-Argument geht hier am Thema vorbei. Das traditionelle Zeitungen mehr umsetzen ist wohl jedem klar.

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Altfrau November 16, 2011 um 21:03

@ Verlagsmann. Nur die Ruhe mein Junge. Die Zahlen werden sich ändern. Ein gutes Anzeigengeschäft ist nicht, gemähte Wiesen zu ernten, sondern neue Wiesen anzusäen. Kostet viel Arbeit, macht aber sehr viel Spass. Besonders das nachfolgende ernten.

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Marc Nemitz (Literaturasyl) November 17, 2011 um 11:27

Hallo,
für mich noch interessant wäre, wie sich so der Marktanteil zu den anderen kostenlosen Wochenblättchen (falls welche vorhanden) gestaltet.
Das Problem sehe ich nicht unbedingt im Erfolg wie Verlagsmann, sondern eher im recht überschaubaren Markt. Einerseits hat man eine sehr überschaubare Anzahl von Werbekunden und andererseits von Endverbrauchern. Das natürliche Wachstum dürfte hierdurch doch stark begrenzt sein.

mfG

Marc

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Peter November 17, 2011 um 11:45

Hallo Marc,

wir publizieren ein hochwertiges Magazin in einer Auflage von 20.000 Exemplaren. In den fünf Gemeinden, die wir journalistisch begleiten, gibt es 12.500 Haushalte. Dieses Magazin hat den Zweck neue Werbepartner in die Tegernseer Stimme einzubinden und gleichzeitig neue Leserschichten für die tägliche Berichterstattung über die Webseite anzusprechen. Unser Marktanteil ist über alle Kanäle so hoch, dass wir für die Partner mittlerweile eine sehr hohe Relevanz erreichen. Das ist für unser Modell das entscheidende Kriterium.

Zu den beiden anderen Punkten machen wir uns keine großen Gedanken. Bei beiden ist noch Luft nach oben, so dass wir zuversichtlich sind das Modell über kurz oder lang noch erfolgreicher betreiben zu können.

Grüße
Peter

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Daniel November 19, 2011 um 10:27

Erstmal Glückwunsch zu den Zahlen!
Umgerechnet auf die Anzahl der Mitarbeiter ist der Umsatz allerdings (noch) nicht sehr hoch. Es wäre zu wünschen, dass die Zahlen weiter steigen, denn die Website der TegernseerStimme ist inhaltlich wie optisch sehr ansprechend.
Die Frage ist, ob man mit Online-Werbeeinnahmen als lokales Unternehmen überhaupt große Sprünge machen kann. Was wiederum die Frage aufwirft, ob die Werbe-Einnahmen der Print-Branche angemessen und nicht zu hoch sind. Im Vergleich natürlich, nicht absolut.

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Steffen (netzleser) November 19, 2011 um 12:58

Print und Online zu vergleichen ist immer schwierig und nicht wirklich zielführend. Die Werbe-Einnahmen der Print-Branche waren in der Vergangenheit sehr hoch, da man es als Kunde mit einem Monopolmarkt zu tun hatte. Das lässt sich Online nicht mehr abbilden – auch nicht für die alteingesessenen Verlage.

Das Thema ist aber eigentlich doch auch viel mehr, ob die momentane Entwicklung nicht eher ein Grund zur Freude ist: ähnlich wie im Musikmarkt verändern sich durch das Netz einfach die Voraussetzungen und damit auch die Verdienstmöglichkeiten – weg von den Milliardenumsätzen für einzelne, hin zu einem durchaus anständigen Auskommen für viele kleine Unternehmer.

Natürlich kann ein lokales Unternehmen, wie die Tegernseer Stimme, nicht endlos wachsen – aber hey, wenn das Geld irgendwann reicht um ein, zwei Festangestellten und einigen Freien ein gutes Auskommen zu sichern, ist doch alles gut. Ein kleines lokales Unternehmen, das als Produkt die Berichterstattung für 15.000 Einwohner hat.

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peter November 19, 2011 um 14:11

Hi Daniel,

wir haben nie kommuniziert, dass wir 10 Mitarbeiter anstellen. Sondern, dass das Team aus 10 Personen besteht. Der zeitliche Aufwand, den jeder von denen in das Projekt steckt, ist sehr unterschiedlich. Umgerechnet auf die Stunden aller Teammitglieder kommen wir auf drei Vollzeitkräfte. Und dann sieht das ganze auf einmal etwas anders aus.

Zu deiner Frage: Wir sind seit sechs Monaten in der Akquise. Die Entwicklung ist sehr positiv und zeigt, dass sich das Modell ohne weiteres rechnen kann. Was die Print-Branche umsetzt ist für unseren Ansatz nicht entscheidend. Aus dem Grund vergleichen wir auch nicht.

Grüße
Peter

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Daniel November 19, 2011 um 14:26

Na, das ist doch schön zu hören!

Ich wünsche euch auf jeden Fall viel Erfolg und freue mich, dass sich auch lokale Projekte rechnen können.

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Daniel November 19, 2011 um 13:07

Das Thema ist aber eigentlich doch auch viel mehr, ob die momentane Entwicklung nicht eher ein Grund zur Freude ist (…) weg von den Milliardenumsätzen für einzelne, hin zu einem durchaus anständigen Auskommen für viele kleine Unternehmer.

Das wäre in der Tat eine sehr erfreuliche Entwicklung. Wichtig ist allerdings, dass das Einkommen tatsächlich dem Aufwand angemessen ist und man damit auch gut über die Runden kommt. Ohne noch ein Heer kostenloser Praktikanten angestellt zu haben. ;)

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Steffen (netzleser) November 19, 2011 um 13:19

Word! ;-)

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kluelz November 21, 2011 um 00:33

Mit so einem Hochglanzveedelsmagazin hat man hier im Doppelstadtteil Sülz-Klettenberg vor knapp 5 Jahren mit dem 3-fachen Umsatz gestartet. Das Heft erscheint alle 3 Monate und ist zwischenzeitlich knapp 100 Seiten stark und hat einiges mehr an Umsatz als zu Beginn.

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Steffen (netzleser) November 21, 2011 um 00:53

Mir ging es hier eher darum ging aufzuzeigen, dass man auch online Geld verdienen kann. Schreiben Sie mir aber gerne eine Mail an steffen (at) netzleser de – vielleicht können Sie mir dann mehr zu sulz-koeln.de und dem Konzept dahinter erklären.

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