Spendenjournalismus: Hilflosigkeit als Geschäftsmodell

von Steffen Greschner am 9. März 2010 · 1 Kommentar

almosenAuf Focus kam vor ein paar Tagen ein Interview mit Robert J. Rosenthal, Leiter des Center for Investigative Reporting, über spendenfinanzierten Journalismus. Das Thema flattr ging schon vor ein paar Wochen durch die Presse. Und mit spot.us gibt es einen, inzwischen bestimmt schon einigen bekannten, Vertreter des Spendenjournalismus. Die Homepage von spot.us kann sich übrigens jeder als Open-Source runterladen und in seiner eigenen Gemeinde mit dem Hut rumlaufen und sein Glück versuchen.

Alles schön und gut. Das ganze Thema hat nur ein Problem:  Es zeugt von ziemlicher Hilflosigkeit. Ein ehemaliges Milliardengeschäft verkommt zur hilfsbedürftigen Pommesbude. Es wird schlicht und ergreifend verkündet, dass der Qualitätsjournalismus nur durch Spenden, also Almosen, überleben kann.

Viele Spender erwarten aber leider eine Gegenleistung. Was heute im Zusammenhang mit Parteispenden diskutiert wird, wird ganz sicher für jede zweite “gespendete” Geschichte folgen. Und wenn ich von Herr Rosenthal sowas lese, bekomme ich eher noch mehr Angst:

Mäzene und Geldgeber sind keine Fata Morgana: Ich habe versucht, Geld für das Center for Investigative Reporting für die nächsten anderthalb Jahre aufzutreiben. Und die Leute sagen nicht mehr nur, dass das eine gute Idee sei. Nein, wir waren in der Lage, eine beträchtliche Menge an Geld für unser Portal „California Watch“ zu bekommen – ganze dreieinhalb Millionen Dollar! Und das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht. Das alles ist keine Fantasie mehr: Immer mehr Stiftungen, die mit Medien und Journalismus bisher nichts am Hut hatten, erkennen, dass es immer weniger Journalisten gibt und der Bedeutungswandel der Presse sich in unserer Demokratie zu einem Thema entwickelt hat, das uns alle etwas angeht.

Dass sich Stiftungen gerne bereit erklären den Journalismus zu bezahlen ist mir klar. Immerhin ist es das erste Mal, dass sie die Chance bekommen, sich ohne Umwege ganz direkt an der öffentlichen Meinung zu beteiligen. Spart Euch in Zukunft einfach die teure und aufwändige PR und steigt direkt als Big Spender, Suggar Daddy oder als unantastbarer Mäzen ins Business ein. Leichter geht’s nicht!

Ich denke ein sauberes, wirtschaftlich geprägtes Geschäftsmodell ist immer besser, als sich am Ende des Jahres bei einer Handvoll großer Spender einschmeicheln zu müssen…


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