Hardy Prothmann vom Heddesheimblog im Interview: “Ich habe mehrere Erlösquellen”

von Steffen Greschner am 15. Mai 2011 · 6 Kommentare

Quelle: www.pushthebutton.de

Hardy Prothmann ist so etwas, wie die fremdernannte Leitfigur des Onlinelokaljournalismus. Einige Medienberichte sehen in ihm fast schon den Mesias für die Zukunft des Lokalen im Internet. Der Mesias ist er sicher nicht aber er macht seine Sache in meinen Augen ziemlich gut. 2009 Gestartet mit dem Heddesheimblog, betreibt Hardy inzwischen fünf Lokalblogs: www.heddesheimblog.de, www.ladenburgblog.de, www.hirschbergblog.de, www.weinheimblog.de und www.rheinneckarblog.de.

Ich habe ihm am Wochenende einige Fragen per Mail gestellt, die er nach rekordverdächtigen 32 Minuten beantwortet hat. ;-)

Hallo Hardy, Du machst schon lange Lokaljournalismus. Im Gegensatz zur Lokalzeitung bist Du auf Deinen Blogs sehr direkt und Meinungsstark. Wahrscheinlich mehr, als Du es im “klassischen Journalismus” sein durftest. Viele Leser danken es Dir. Manche sind etwas verstört. Unterscheidet sich Onlinelokaljournalismus für Dich von Printlokaljournalismus?
Das ist nicht ganz richtig. Ich habe 1991-1994 im Lokalen angefangen. Danach habe ich bis Mai 2009 fast ausschließlich überregional oder für Fachmedien gearbeitet und mit dem Start vom heddesheimblog dann wieder lokal. Meinungsstücke sind bei den “klassischen” Medien fast ausschließlich den Redaktionen und dort fast ausschließlich den Chefs vorbehalten. Und deren für-und-wider-Soße ist überwiegend nur langweilig. Oder klare Lobbyistenmeinung. Deutliche Kommentare, die einzelne Personen oder Gruppen thematisieren, fehlen im Lokalen. Man will es sich vor Ort mit den Leuten, die man ständig trifft, nicht verscherzen. Es fehlt an Mut, Haltung und Position in den meisten Redaktionen.

Bei all der journalistischen Schärfe auf deinen Blogs: hast Du deswegen manchmal Probleme bei der Anzeigenakquise? Sind Dir schon Kunden abgesprungen, nach dem Motto “der Prothmann, der blöde Sack – da werbe ich nicht”?
So direkt habe ich das noch nicht gehört. Vermutlich gibt es Leute, die so denken, das ist dann halt so. Schlimm ist, dass in Heddesheim Gewerbetreibende gerne werben wollen, es aus Angst vor Nachteilen aber nicht tun. Die sagen mir hinter vorgehaltener Hand: “Super Job, alles richtig, wie Sie das schreiben, aber ich will dann und dann was bauen und kann mir keinen Ärger leisten. Oder: Wenn ich bei Ihnen werbe, verliere ich die und die Kunden, die haben das schon angekündigt. Der Mob hat also seine Arbeit “gut” gemacht.

Die Tegernseer Stimme, die Prenzlauer Berg Nachrichten und regensburg-digital.de haben in letzter Zeit alle den Schritt in den klassischen Printbereich gewagt. Teils dauerhaft, teils als (vorerst) einmaliger Versuch. Ist das für Dich auch ein Thema oder eher ein ausgestorbenes Geschäftsmodell?
Anfangs habe ich sehr radikal die entweder-oder-Position vertreten und Print kam für mich nicht in Betracht. Mittlerweile denke ich, dass ich falsch gedacht habe. Es geht um Journalismus. Internet, Zeitung, Radio, Fernsehen sind nur Trägermedien. Allerdings lassen sich Printmedien im Lokalen offensichtlich noch sehr gut vermarkten, also überlege auch ich eine Zeitschrift herauszubringen.

Du wetterst gerne gegen Verlage. Inzwischen betreibst Du selbst fünf Blogs in Deinem Umkreis. Ab wann wird man eigentlich zum “Online-Verleger” und wie muss das aussehen, um nicht in die gleiche Schiene zu rutschen, wie die “alten Verlage”?
Das ist keine Frage der Größe des Angebots, sondern ausschließlich eine der Haltung. Die meisten Journalisten können doch nicht mehr in den Spiegel schauen. Wenn doch, sehen sie Verlautbarungsschreiber, Terminabhaker, Pressemitteilungsverteiler oder schwurbelnde Bratwursttexter. Dahinter stehen Verlage, die sich von Anzeigenkunden diktieren lassen, was die Themen sind. Schönes Beispiel ist mal wieder der Mannheimer Morgen: In Heddesheim will Edeka sich mit einem Logistiklager vergrößern. Die Berichterstattung im MM war, naja, “freundlich”. Recherche: Null. Ein paar Tage später hat Edeka eine ganzseitige Anzeigen geschaltet. Daraus kann jeder schließen, was er will.

Die Frage der Fragen: kannst Du von Deinen Blogs leben?
Von den Anzeigen alleine noch nicht. Ich habe mehrere Erlösquellen: Anzeigen, Beratungen, Schulungen und Vorträge. Es ist knapp, aber wird kontinuierlich besser. Ich bin überzeugt davon, dass der lokale Anzeigenmarkt sich entwickeln wird. Bislang haben die Zeitungsverlage aber alles unternommen, um diesen nicht zu entwickeln oder sogar zu beschädigen. Die Angst der Abwanderung von Printanzeigen nach online ist enorm groß.

Du bist zum Vorstand von istlokal.de gewählt worden. Was versprichst Du Dir von dem Zusammenschluss vieler Lokalblogs?
Informationen und solidarisches Miteinander. Bislang hat jeder vor Ort seine Erfahrungen selbst gemacht. Die Mitglieder können sich nun austauschen und von den Erfahrungen der anderen profitieren. Auch Anfänger können sich einbringen, in dem sie Fragen stellen. Die “erfahrenen” müssen dann antworten und dabei überprüfen, ob die Antwort wirklich richtig ist, wo noch Stücke im Antwortkuchen fehlen, was die Sahne obendrauf wäre und die Kirsche.
Es war viel Arbeit, diesen Verein zu gründen und wird weitere Anstrengungen brauchen, ihn voranzubringen Aber ich habe schon viel Nutzen daraus gezogen, sei es durch Artikeltausch, technische Tipps oder die Reflexion im Austausch mit Kollegen über die eigene Arbeit.

Wer noch mehr über den Heddesheimblog wissen möchte, kann sich noch das Interview anschauen, das Hardy Prothman letztes Jahr bei dctp.tv gegeben hat. Geht knapp 38 Minuten, wird aber nicht wirklich langweilig:


Weitere Artikel auf netzleser:

  1. Lokalblogs als Printausgabe: lohnt sich das?
    Peter von der Tegernseer Stimme im Interview
    Die Tegernseer Stimme hat in diesem Monat bereits zum zweiten Mal ein gedrucktes Magazin rausgebracht. Das Magazin wird kostenlos in einer Auflage von 16.000 Stück an die Haushalte im Tegernseer Tal und an Verteilstellen (Rathäuser,...
  2. In eigener Sache: istlokal.de gegründet – Förderung des unabhängigen Online-Lokaljournalismus Eine kurze Meldung in eigener Sache: Ich war letzten Samstag in Nürnberg und habe gemeinsam mit anderen Bloggern, Online-Lokaljournalisten, Hyperlocal-Bloggern, Lokalblog-Betreibern, … – wie auch immer man sie nennen mag – den Verein istlokal.de gegründet....
  3. “Es gibt unglaublich viele Zombies, die eigentlich tot sind, aber immer noch rumlaufen.” Endlich sagt es mal einer, wie es ist. Bernd Ziesemer, langjähriger Chefredakteur vom Handelsblatt, nimmt im Interview mit epd kein Blatt vor den Mund und beschreibt den Zustand der Medienbranche und speziell der Verlage scharf...
  4. Der Netzleser meldet sich zurück Jetzt war fast ein Jahr Ruhe auf dem Netzleser. Das hatte zwei Gründe: erstens hat mir einfach die Zeit gefehlt. Die Tegernseerstimme hat doch ganz schön an den Ressourcen gesaugt und ich bin auch längere...
  5. “Wired” Chefredakteur Chris Anderson im Interview bei Focus Auf Focus.de ist heute ein Interview mit Chris Anderson vom “Wired” Magazin. Lohnt sich auf jeden Fall zu lesen. Es geht ums Internet, neue Geschäftsmodelle und darum, was Journalismus heute überhaupt noch für einen Wert...

{ 2 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }

Jonas Mai 16, 2011 um 11:43

Schöner Einblick, danke dafür! Ich glaube auch das der Online-Anzeigenmarkt noch viel Potential hat. Wenn ich sehe, was die Anzeigen hier in Bremen für wirklich beschissen platzierte Seiten in der Tageszeitung kosten, fall ich immer wieder vom Glauben ab. Mit der Kohle kannst du Online-Kampagnen mit wesentlich (!) mehr Reichweite und Zielgruppengenauigkeit schalten…

Antworten

Steffen (netzleser) Mai 16, 2011 um 12:12

Und das ist wohl auch der Grund: so lange im Print noch die horrenden Preise erziehlt werden, wird sich der Markt nur sehr langsam entwickeln – weil Verlage sich nicht den Markt kaputt machen wollen. Den Markt zu halten, haben sie schonmal versucht: Bei Kleinanzeigen, Stellenmarkt und Immobilien.

Das Ergebnis ist bekannt.

Antworten

Schreib einen Kommentar

eMail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
  Für die reinen Beobachter: Benachrichtigen ohne eigenen Kommentar.

{ 4 Trackbacks }

Previous post:

Next post: