“Es gibt unglaublich viele Zombies, die eigentlich tot sind, aber immer noch rumlaufen.”

von Steffen Greschner am 13. Mai 2011 · 3 Kommentare

Bernd Ziesemer ist heute Geschäftsführer von Hoffmann und Campe Corporate Publishing

Endlich sagt es mal einer, wie es ist. Bernd Ziesemer, langjähriger Chefredakteur vom Handelsblatt, nimmt im Interview mit epd kein Blatt vor den Mund und beschreibt den Zustand der Medienbranche und speziell der Verlage scharf und direkt.

Ziesemer spricht von einer “Kreativitätskrise in den Verlagen” und davon, dass die Verlage den technischen Anschluss verpassen, weil sie sich Management-Seitig nicht darauf einstellen. Er hält einen “Chief technology Officer” in jedem Verlagshaus für lange Überfällig.

Den schönsten Absatz gibt es ganz zum Schluss des Interviews. Ziesemer geht darauf, ein dass sich Verlage generell sehr schwer damit tun, einzusehen, wenn etwas keinen Sinn mehr macht und man sich von bestehenden Modellen trennen muss. Oft passiert dann aber das Gegenteil:

Das ist typisch: Es wird immer noch ein Stück runtergeschraubt, aber irgendwie wird weitergemacht. Das sehen wir jetzt bei der “Frankfurter Rundschau”. Es gibt unglaublich viele Zombies, die eigentlich tot sind, aber immer noch rumlaufen.

Auch den hier schon öfters angesprochenen Punkt der fehlenden Innovationsfreude und Geschwindigkeit von Verlagen im Internet beschreibt Ziesemer sehr treffend:

Wenn Sie da mitmachen wollen, dann müssen Sie ganz schlanke Strukturen haben. Dann müssen Sie auch bereit sein, mit vielen Leuten mit Baseball-Cap auf dem Kopf zusammenzuarbeiten, die was rumschrauben. Und da tun sich viele Verlage in ihrer doch oft sehr bürokratischen Grundstruktur nicht leicht.

Beim Punkt der “irgendwie immer gleichen Mantelteile”, sieht Ziesemer eine Entzauberung des Journalismus durch das Internet:

Ich glaube, das Internet hat brutal enthüllt, dass wir Journalisten, wobei ich ja nur noch Halbjournalist bin, zum Teil mit nackten Kleidern dastehen. Man kann sehen, wie gleichförmig viele Texte zum Beispiel in Tageszeitungen sind, wie wenig Unterschiede es da gibt. Niemand ist bereit, für irgendetwas Geld zu bezahlen, das er in einer annähernden Qualität woanders umsonst kriegt. Das ist die Falle, in der alle drinstecken.

Das komplette Interview gibt es beim epd. Wirklich sehr lesenswert! Und nicht nur, weil es die hier vertretene Meinung so schön spiegelt ;-)


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{ 2 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }

Donaufalterzeitung Mai 23, 2011 um 19:49

Interessanterweise blockieren genau jene zeitungen sämtliche Kommentare , die nicht dem Mainstream entsprechen. Genau jene Zeitungen sind Handlanger des unkritischen grünroten Weltbildes.
Dr.A. Demel, Facharzt, Analytiker

http://www.donaufalter-zeitung.de/friends/parser.php?artikel=460

Antworten

Steffen (netzleser) Mai 23, 2011 um 20:52

Hallo Herr Demel,

Ich habe Ihren Kommentar einfach mal stehen lassen. Auch wenn er wenig zum Thema beiträgt. Für die Zukunft möchte ich Sie bitten thematisch passend zu kommentieren und hier keine persönlichen und politischen Weltanschauungen zu verbreiten.

Herzliche Grüße
Steffen Greschner

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